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Interview von sekretaria.de mit Reinhold Vogt:
Lernlust statt Lernfrust

Als Sekretärin sollte Ihr Gedächtnis immer gut funktionieren, denn täglich müssen Sie sich eine Vielzahl Namen und Gesichter von Geschäftspartnern, außerdem Telefonnummern oder Artikel- und Kontonummern merken. Dies ist nicht immer einfach und manch eine von Ihnen klagt über ihr „schlechtes Gedächtnis“. Doch Sie können Ihre Merkfähigkeit durchaus verbessern. Wir sprachen mit dem Trainer Reinhold Vogt, der sich auf Lerntechnik- und Gedächtnistrainings spezialisiert hat.


sekretaria:
Herr Vogt, woran liegt es, dass sich jemand Zahlen gut merken kann, aber keine Namen? Ein anderer wiederum merkt sich zu jedem Gesicht den richtigen Namen, kennt aber keine fünf Telefonnummern auswendig.

Und viele Leute haben sogar mit beiden Bereichen Probleme ...

Anschauliche, begreifbare Informationen lassen sich meist ganz leicht aus dem Gedächtnis abrufen. Dagegen werden Zahlen und auch Namen von vielen Menschen als abstrakte bzw. isolierte Informationen wahrgenommen. Solche Informationen erscheinen unseren 'Lager-Mitarbeitern' im 'Gedächtnis-Archiv' als kaum speicherfähig.

Möglicherweise waren es nur Zufälligkeiten, die dazu führten, dass manche Menschen sich gut an Zahlen oder an Namen oder sogar an beides erinnern können. Wenn zum Beispiel ein Mädchen bereits in seiner Schulzeit Freude im Umgang mit Zahlen hatte, dadurch auch gute Noten in Mathematik erzielte, dann hat es sich die erste wichtige Telefonnummer vielleicht nur in spielerischer Absicht eingeprägt. Die Telefonnummer '25 49 81' könnte es sich zum Beispiel über den rechnerischen Umweg von 5 x 5, 7 x 7 und 9 x 9 gemerkt haben. Und bei der Telefonnummer '36 91 2' hat es vielleicht die aufsteigende Zahlenreihe der '3' entdeckt. Auf diese Weise betrachtet werden Zahlen viel einfacher erinnerbar.

Sofern das Mädchen wegen seines überraschend guten Zahlengedächtnisses auch noch gelobt wurde, dann wird das ein zusätzlicher Ansporn gewesen sein, auch bei anderen Zahlen entsprechend nachzudenken. ('Gedächtnis' kommt übrigens von 'gedacht'!)

Wenn die junge Frau später bereits eine Menge Telefonnummern und Jahreszahlen oder Postleitzahlen im Gedächtnis hat, dann helfen ihr diese, sich noch viel mehr Zahlen einzuprägen. Das ist etwa so, als würden die weniger(?) Begabten in der Zahlenkette '220 42 37' ganz rasch '220 Volt', '42 km Marathonstrecke' und '37 Grad Körpertemperatur' entdecken können.

Mit Personen-Namen verhält es sich sehr ähnlich.


sekretaria:
Geben Sie mir bitte auch ein kurzes Beispiel für das schnelle Erlernen von Personennamen.

Früher hatten die Namen häufig einen inhaltlichen Bezug zur betreffenden Person: Der Schneider war eben der Herr Schneider, oder die Familie Breitenbach wohnte am breiten Bach. Heutzutage kann man - jedenfalls in unserem Kulturkreis - die Namen im Normalfall überhaupt nicht mehr vom Beruf, vom Wohnort oder zum Beispiel von ihrem Aussehen (Frau Klein, Herr Großkopf) ableiten.

Sofern es keine sinnvollen Bezüge zwischen einer Person und ihrem Namen gibt, dann können wir ersatzweise eine solche Beziehung mit Hilfe unserer Kreativität herstellen. Wenn mir zum Beispiel zu Herrn Schneider immer gleich einfällt, dass er mit großer Freude in seinem Garten arbeitet, dann kann ich dieses Wissen in phantasievoller Weise mit seinem Namen verknüpfen: Herr Schneider ruht sich alle fünf Minuten im 'Schneider-Sitz' sitzend aus und genießt den Anblick seines prachtvollen Blumenbeetes. - Je ausgefallener eine solche Verknüpfung ist, desto leichter kann man sich an sie erinnern! Da jeder Mensch aber seine eigene Art zu denken / zu verknüpfen hat, könnte meine Verknüpfung allerdings für Sie überhaupt nicht geeignet sein.


sekretaria:
Sie unterscheiden zwischen Lerntechniken und Gedächtnistechniken. Wenn ich Probleme mit der Merkfähigkeit habe, woran erkenne ich, ob es an meinem Gedächtnistechnik oder an meiner Lerntechnik liegt?

Eine der zahlreichen Lerntechniken ist es, wichtige Informationen auf selbstklebende Zettelchen zu notieren und diese Zettelchen zum Beispiel an die Wände des Badezimmers zu kleben ('Mini-Lernposter'). Es erfordert weder eine besondere Anstrengung noch einen merkbaren Zeitaufwand, um sich die betreffenden Stichpunkte immer wieder einmal anschauen. Gern verweise ich in diesem Zusammenhang auf das klassische Zitat: "Repetitio est mater studiorum = die Wiederholung ist die Mutter des Lernens."

Von meiner Website (siehe Kasten unten) können Sie ein kostenfreies eBook herunter laden, das Ihnen 17 wirkungsvolle Lerntipps in anschaulicher Weise erklärt. Wählen Sie aus diesem Spektrum einfach einige Lerntechniken aus, die Sie für sich selbst als besonders passend empfinden; Sie können sie ohne aufwändiges Einüben sofort anwenden.

Im Gegensatz zu den Lerntechniken erfordern Gedächtnistechniken ein intensiveres Denktraining. Die Gedächtnistechniken basieren im wesentlichen auf nur zwei Grundlagen: der Veranschaulichung (Visualisierung) und der kreativen Verknüpfung (Assoziation). Die obigen Beispiele zum Einprägen von Telefonnummern und zum Einprägen von Familiennamen haben Ihnen hierzu einen ersten Eindruck vermittelt. Aus den beiden Basis-Gedächtnistechniken werden noch speziellere Zusatztechniken abgeleitet. Mit Hilfe solcher Techniken können Sie sich in kürzester Zeit zum Beispiel eine Vielzahl von Vokabeln, 30 Nachkommastellen der Zahl Pi oder die Inhalte einer von Ihnen vorzutragenden Rede nahezu mühelos einprägen.

Überlegen Sie bitte mal, welche Lerntechniken Sie bereits kennen und anwenden. Sofern es mindestens zehn Lerntechniken sind, Sie aber dennoch mit Ihren Gedächtnisleistungen nicht zufrieden sind, dann liegt es wahrscheinlich an der fehlenden Gedächtnistechnik. Schon durch die Teilnahme an einem ein- bis zweitägigen Training können Sie jedoch einen Teil Ihrer bislang brach liegenden Gedächtnisreserven nutzen und dadurch frappierende Erfolge erzielen.


sekretaria:
Was kann ich tun, um Lerntechnik und/oder Gedächtnisleistung zu verbessern und  Bis zu welchem Alter ist es überhaupt möglich, die Lern-/Gedächtnisleistungen deutlich zu verbessern?

Die biologisch bedingte Gedächtnisfähigkeit ist wahrscheinlich zwischen dem 15. und dem 25. Lebensjahr am größten. In dieser Zeitspanne ist die Lerngeschwindigkeit jedenfalls besonders hoch.

Wir Älterem haben jedoch gegenüber den Jüngern den Vorteil, dass wir bereits über ein deutlich größeres Vorwissen verfügen. Dieses Vorwissen erleichtert uns das Erlernen neuer Informationen ganz erheblich. Bitte stellen Sie sich vor, Sie würden zu Ihrem bisherigen Fachwissen einige neue Detailinformationen erhalten. Diese werden Sie automatisch und unbewusst in Ihr Vorwissen integrieren und dann meist auch ohne große Mühe wieder abrufen können. Wenn neue Information in irgend einer Beziehung gut zu Ihrem Vorwissen passen, können sie auch recht zuverlässig wieder 'rekonstruiert' werden. Ein solches Rekonstruieren spüren Sie, wenn Sie sich an etwas Bestimmtes erinnern wollen, das Ihnen zwar nicht sofort einfällt, das Sie aber mit einigen Zwischenschritten dann doch in Ihrem Erinnerungsspeicher wiederfinden.

Das größere Vorwissen gegenüber den Jüngeren ist selbst dann hilfreich, wenn die neu zu erlernenden Informationen überhaupt nicht Sinn bezogen eingeordnet werden können; je größer Ihr Vorwissen ist, desto mehr Möglichkeiten ergeben sich nämlich - ersatzweise - für die phantasievollen Verknüpfungen.

Bitte hüten Sie sich aber unbedingt vor einer innere Einstellung wie: "Ich bin schon ... Jahre alt, deshalb kann ich nicht mehr so gut lernen." Kürzlich hatte ich einen solchen Satz sogar von einer erst etwa 35-jährigen Steuerberaterin gehört - zu Beginn eines Gedächtnistrainings. Zum Ende des Trainings hatte sie jedoch freudig festgestellt, dass sie inzwischen erlebt habe, wie überraschend gut ihr Gedächtnis noch funktioniere. Die eingeübten Denktechniken hatten ihr endlich ein lange vermisstes Erfolgserlebnis verschafft.


sekretaria:
Lernen ist doch Schwerstarbeit. Wie schaffen Sie es, den Teilnehmern Ihrer Seminare Lern-Lust zu vermitteln?

Lernarbeit braucht überhaupt keine Schwerstarbeit zu sein! Schwierig erscheint das Lernen eigentlich nur dann, wenn man nicht weiß, wie man die Lernanforderungen bewältigen kann. Für viele Menschen ist der Begriff 'Lernen' zwar tatsächlich mit einem unangenehm Gefühl verbunden. Das geht meist auf die Schulzeit zurück. Damals gab es nur zwei Wege des Lernens: das verstehende Lernen ('kapieren') und das unsägliche Pauken, das häufig in Resignation und Frust und in schlechten Noten mündete.

Beim verstehenden Lernen werden uns die Zusammenhänge klar. Was man verstanden hat, kann man auch relativ einfach wiedergeben. - Leider sind jedoch viele neuen Lerninhalte überhaupt nicht bzw. noch nicht verstehbar. Zu den überhaupt nicht verstehbaren Informationen gehören unter Anderem die Familiennamen oder zum Beispiel die Hauptstadtnamen der uns noch nicht so bekannten osteuropäischen Länder. Und viele der eigentlich verstehbaren Informationen können wir erst zu späteren Zeitpunkten wirklich begreifen.

Zwischen Kapieren und Pauken liegen jedoch die Möglichkeiten des kreativen Visualisierens und Assoziierens. Wir behelfen uns damit, die (noch) fehlenden sinnvollen Bezüge durch kreative Verknüpfungen zu ersetzen. Dadurch sind wir in der Lage, die vermeintlich schwierig zu lernenden Informationen über den kreativen Ersatzweg zu rekonstruieren.

Schon durch eine einzige Übung erleben die TeilnehmerInnen meiner Vorträge und Trainings, wie sie vermeintlich schwierige Informationen in spielerisch leichter Weise gedanklich bearbeiten. Ohne in herkömmlicher Form gelernt zu haben, wundern sie sich über die Leichtigkeit des Erinnerns. In ganz kurzer Zeit gewinnen sie die Erkenntnis, dass sie meist gar keine Probleme mit ihrem Gedächtnis haben, sondern dass es nur an der Art des 'richtigen' Denkens haperte. Dieses Erlebnis setzt Begeisterung und eine große Neugierde frei, wie man das kreativ bildhaft-verknüpfenden Denken noch intensiver nutzen kann. Lernen macht endlich wieder Spaß!

Herzlichen Dank, Herr Vogt, für das Gespräch!

 

Der sekretaria-Webtipp:

Reinhold Vogt ist seit Jahren auf Lern-/Gedächtnis-Trainings spezialisiert und bietet innerhalb dieser Spezialisierung recht unterschiedliche Trainings, Workshops sowie interaktive Präsentationen/Impulsvorträge an. Außerdem hat er einschlägige Software-Produkte zu den Themen entwickelt. Auf seiner Website www.memopower.de können Sie die kostenfreien 'memoNews' abonnieren.