Kritische Auseinandersetzung
mit der Lerntypen-Theorie
Überblick:
-
Lassen Sie sich nicht durch 'Lerntypen-Tests' verwirren!
-
Powerpoint-Demonstration
-
Wie sinnvoll sind
Lerntypen-Analysen/-Tests wirklich?
-
Wissenschaftliche Kritik an der
Lerntypen-Theorie
* * *
Lassen Sie sich nicht durch 'Lerntypen-Tests' verwirren!
Auszug aus der
memoNews-Ausgabe 2005-05-Xtr:
Mindestens seit den 70-iger Jahren existiert die Idee
der Lerntypen. Hierzu entsprechend wurden so genannten Lerntypen-Tests
entwickelt. Inzwischen gibt es zahllose
Varianten dieser Tests.
Lerntypen-Tests sollen den jeweiligen
'Lerntyp' bestimmen bzw. Aussagen machen können, zu welchen Anteilen
eine Person visuell, auditiv oder kinästetisch veranlagt ist.
Nach meiner Kenntnis gibt es jedoch noch
immer keine nachprüfbaren Untersuchungen, welche den Wahrheitsgehalt
solcher Tests bestätigen!
Aus meiner Sicht ist es das Manko von
Lerntypen-Tests, dass sie meist einseitig auf die Wahrnehmungs-Kanäle
der Lernenden ausgerichtet sind, jedoch die Unterschiedlichkeit der
Lern-Inhalte vernachlässigen.
Statt die Bedeutung von (möglicherweise
unterschiedlichen) Lern-Typen hervor zu heben, ist es nach meiner
Auffassung sinnvoller, sich intensiver um die unterschiedlichen Arten
von Lern-Inhalten und die Palette von hierzu passenden Lern- /
Lehr-Methoden zu kümmern -
also insofern unabhängig von der
Individualität des Lernenden!
Die Lern-Fähigkeit und die
Lern-Motivation hängen weniger vom Lern-Typ ab, sondern eher davon, mit
welcher 'Spannung' die Lern-Inhalte präsentiert
werden (visuell langweilig oder visuell spannend? - auditiv langweilig
oder auditiv spannend?) und welche Vorkenntnisse(!) bereits vorhanden
sind.
Sind Sie an weiteren Details
interessiert?
Zehn
kritische 'Gedanken zur Lerntypen-Theorie
Gedanke 1:
Ein Tanzlehrer-Paar macht den Ablauf
einer Bewegungsfolge vor. Die Tanz-Schüler schauen zu und prägen sich
auf diese Weise den Ablauf ein = visuelles Lernen oder sogar schon viel
mehr? - Wahrscheinlich ahmen die Lernenden bereits bei der Demonstration
die Abfolge der Bewegungen im Geiste nach (körperlich / kinästetisch?).
Gedankliches Nachahmen kann man zum Teil
sogar an ganz leichten Körperbewegungen der 'Zuschauer' erkennen! -
Vielleicht handelt es sich hier auch um eine Auswirkung der so genannten
'Spiegelneurone', vergleiche: Joachim Bauer, 'Warum ich fühle, was du
fühlst - Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone',
Hoffmann und Campe, 185 Seiten.
Gedanke 2:
Welche Art von Lernen ist es, wenn die
Tanz-Schüler den Ablauf der Körperbewegungen aus einer bebilderten
Anleitung lesen? Sie setzen dabei ebenso ihre Augen ein (visuell), aber
es handelt sich wohl um eine völlig andere Art des visuellen Lernens als
im ersten Beispiel!
Gedanke 3:
Das Lesen (visueller Kanal) einer
Beschreibung liegt sehr dicht beim Hören (auditiver Kanal) eines
identischen Textes. Machen hier Hören und Lesen wirklich einen
Unterschied?
Liegt der Unterschied unter Umständen
allein darin, dass man einen zu lesenden Text (im Gegensatz zu einem
Live-Vortrag) problemlos erneut lesen und ihn dadurch möglicherweise
besser verstehen kann?
Gedanke 4:
Bewegungsabläufe können nicht durch
Zuschauen oder durch Lesen oder durch Anhören einer Beschreibung
ausreichend gut gelernt werden! Sofern der Bewegungsablauf beherrscht
werden soll, muss er praktisch eingeübt werden: Lernen durch Tun (kinästetisch).
Aber dieses Tun ist nicht vergleichbar mit dem lernenden
Wahrnehmen durch unsere 'üblichen' Wahrnehmungs-Sinne.
Sofern es
tatsächlich ausgeprägt visuelle
Lern-Typen gäbe: Sind diese Lernenden deswegen beim Lernen von
Bewegungsabläufen benachteiligt?
Gedanke 5:
Praktisches Tun enthält häufig auch das
Element der Wiederholung des Gesehenen und / oder des Gehörten. -
Allein schon die Wiederholungen führen zu nachhaltigeren Lernerfolgen!
('Repetitio est mater studiorum.')
Gedanke 6:
Eine gehörte lebhaft geschilderte
Geschichte löst Bilder für das 'geistige' Auge aus. - Ist das ein
Vorteil eher für den auditiven oder den visuellen Lerntyp?
Gedanke 7:
Ein bildhaft formulierter Buchtext (und
zudem mit Grafiken versehen) hat einen deutlich höheren Erinnerungswert
als ein nüchtern formulierter Buchtext. - In beiden Fällen wird derselbe
Wahrnehmungs-Kanal angesprochen ....
Gedanke 8:
Eine Sprache zu beherrschen, besteht aus
zwei Teilen: Sie passiv verstehen (allein auditiv?) und sie sprechen /
aktiv anwenden können (kinästetisch?). - Kinder lernen ihre
Muttersprache anfänglich in zwei getrennten Phasen: Zunächst lernen sie,
die Sprache (passiv) zu verstehen. In der zweiten Phase sind Verstehen
und Sprechen miteinander verzahnt. - Diese Reihenfolge gibt
möglicherweise wichtige Hinweise zum 'richtigen' Erlernen einer
Fremdsprache!
Gedanke 9:
Was nützt es einem Lernenden zu wissen,
welchem Lerntyp er entspricht, wenn er sich auf jeden Fall mit
schriftlichen Texten auseinander setzen muss oder wenn er in einer 'Vor-Lesung'
sitzt?
Gedanke 10:
Lerntypen könnten auch auf ganz andere
Weise unterschieden werden, zum Beispiel:
-
passiver Lerntyp (will 'gefüttert'
werden) bzw. aktiver Lerntyp (will selbst erkunden)
-
Lerner mit veranlagungs-bedingtem(!)
Interesse oder veranlagungs-bedingtem(!) Desinteresse an bestimmten
Lerninhalten
Darüber hinaus hat vermutlich das Vorwissen eine
entscheidende Bedeutung - sowohl hinsichtlich der Verknüpfbarkeit der
neuen Lerninhalte als auch (als Folge-Erscheinung) hinsichtlich der
Motivation.
Fortsetzung: Lerntypen
|